Kapitel 14 – Jungfernfahrt bei echtem Nordseewetter
Sonntag, der 11. Oktober 2026: Die Rungholt sollte zum ersten Mal unter Segeln aufs Wasser. Es war der letzte gemeinsame Fahrtag unseres Vereins im Blühenden Barock im Schlossgarten Ludwigsburg, genauer gesagt im Südgarten, bevor die Winterpause begann.
Das Wetter zeigte sich von seiner norddeutschen Seite: grauer Himmel, Regenschauer und kräftige, böige Winde. Am Ufer standen drei Atlantis-Modelle nebeneinander. Die gemeinsame Herkunft war unverkennbar, doch jedes Schiff hatte seinen eigenen Charakter. Und natürlich war ich ziemlich sicher, dass die Rungholt die schönste von den dreien war.
Dann ging es aufs Wasser. Schon bald zeigte sich, dass die Rungholt gut lief. Sie nahm Fahrt auf, reagierte auf die Steuerung und bewegte sich auch bei leichterem Wind ordentlich vorwärts.
Bei kräftigen Böen legte sie sich deutlich auf die Seite. Wasser kam über das Deck, und das Schiff nahm den Wind spürbar auf. Die Technik funktionierte, und die Rungholt blieb gut beherrschbar. Besonders interessant war die Schwimmlage. In der Badewanne hatte der Bug etwas höher aus dem Wasser geragt. Unter Segeln drückte der Wind ihn nach unten, und das Schiff lag deutlich ausgewogener im Wasser.
Zeitweise hatte ich den Eindruck, dass sich zwischen Bug und Heck nur noch ein einziges Wellental befand. Die Rungholt schob sich mit ordentlich Tempo durch das Wasser. Eine genaue Messung der Geschwindigkeit hatte ich natürlich nicht, aber der optische Eindruck war beeindruckend.
Fotos von der Jungfernfahrt zeigen sehr gut: Die Segel stehen unter Druck, der Rumpf liegt deutlich auf der Seite, und das Schiff zieht durchs Wasser. Die Besatzung erregte ebenfalls Aufmerksamkeit. Besonders die Kinder am Ufer interessierten sich für die Figuren an Deck. Das freute mich, denn die Figuren waren für mich ein wesentlicher Bestandteil des Schiffs.
Auch die neue Führung unter Deck bewährte sich. Die Kunststoffabdeckung verhinderte, dass die Schieber an den Führungsdrähten hängen blieben. Ein Problem zeigte sich jedoch zweimal: Die Klüverschot rutschte hinter einen der auf Deck befestigten Spinnakerbäume und verhakte sich. Dadurch wurde die gesamte endlose Schot blockiert.
Das musste ich im Winter ändern. Zwei sauber gebogene Messingdrahtführungen sollten verhindern, dass die Klüverschot unter die Spinnakerbäume geriet. Nach einem langen Segeltag kontrollierte ich den Innenraum. Mit einer Spritze saugte ich ein Schnapsglas voll Wasser heraus. Die genaue Ursache ließ sich nicht feststellen. Wahrscheinlich war Wasser über die nicht vollständig abgedichteten Decköffnungen oder unter den Aufbauten eingedrungen, als sich das Schiff stark auf die Seite legte.
Die Rungholt hatte den Tag ohne Schäden überstanden. Das war die wichtigste Nachricht. Die Fahrt hatte zugleich gezeigt, welche Punkte ich im Winter noch angehen wollte.
Der Motor war weiterhin zu laut, die Wasseraufnahme wollte ich reduzieren, und einige Details sollten im Winter noch verbessert werden. Aber das waren keine grundlegenden Probleme mehr. Die eigentliche Bauphase war abgeschlossen. Aus der alten Robbe Atlantis war mein eigenes Segelschiff geworden.
In der Winterpause wollte ich mich um die Schotführung, den Antrieb, die Abdichtung und eine Beleuchtung des Maschinenraums kümmern. Auch die oberen und mittleren Relingholme sollten weiß lackiert werden, während die Messingstützen ihren metallischen Charakter behalten sollten
Wenn sich die Gelegenheit ergab, wollte ich mit der Rungholt auch im Winter noch einmal segeln, etwa mit den Modellbaufreunden am Schloss Monrepos. Denn ein Segelschiff ist schließlich nicht dafür da, nur schön auf dem Werktisch zu stehen.
Die Rungholt soll segeln.



