Kapitel 1 – Am Anfang war eine alte Atlantis
Manchmal beginnen Projekte mit einem sorgfältig ausgearbeiteten Plan. Manchmal mit einer spontanen Idee. Und manchmal steht man plötzlich vor einem alten Modellbausatz und denkt: Daraus könnte man doch etwas machen.
So ungefähr begann die Geschichte der Rungholt. Ich bekam eine alte Robbe Atlantis von einem Vereinskollegen zu einem verlockend niedrigen Preis. Bei diesem Angebot musste ich nicht lange überlegen. Allerdings war die Atlantis keineswegs ein unberührter Bausatz, bei dem noch alle Teile ordentlich in ihren Tüten lagen
Ein Modellbauer hatte vermutlich um die Jahrtausendwende mit dem Bau begonnen. Der Motor war eingebaut, die Ruderanlage ebenfalls. Besonders beeindruckend war das Deck: Es war bereits beplankt, und zwar in einer Qualität, die ich wirklich bewundernswert fand. Die Planken waren sauber verlegt und ergaben einen ausgesprochen professionellen Eindruck.
Dann muss dem Vorvorgänger irgendwann die Lust an diesem Schiff verloren gegangen sein. Wie es dazu kam, weiß ich nicht. Jedenfalls war die Atlantis nicht fertig geworden. Ich fing also nicht bei null an. Ich übernahm ein Schiff, in das bereits Arbeit und Können geflossen waren. Nur warteten noch genügend Aufgaben auf mich.
Dazu gehörte auch, fehlende Teile zu ersetzen. Mein Vereinskollege hatte das charakteristische Beiboot und die Ankerwinde für seine eigene alte Atlantis behalten. Das war nachvollziehbar, bedeutete für mich aber, dass ich mir für diese beiden Teile etwas einfallen lassen musste.
Mein Vereinskollege hatte mir seine eigene Atlantis als Anschauungsobjekt zur Verfügung gestellt. An diesem älteren Modell konnte ich Details betrachten, die mir bei meinem eigenen Schiff noch unklar waren. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich später vieles selbst lösen und konstruieren würde.
Zunächst verschaffte ich mir einen Überblick. Ich sortierte die vorhandenen Bauteile entsprechend der Stückliste, ordnete jedes Teil dem Bauschritt nach Anleitung zu, prüfte den Zustand von Rumpf, Segeln, Masten, Bäumen und Beschlägen und überlegte, was sich weiterverwenden ließ. Die Bestandsaufnahme brachte eine erfreuliche Erkenntnis: Zwar fehlten Beiboot und Ankerwinde, doch keines der fehlenden Teile war unersetzlich. Ich konnte loslegen!
Denn ich wollte die Atlantis nicht einfach nach Bauplan fertigstellen. Ich wollte ein Schiff bauen, das meine eigenen Vorstellungen widerspiegelte. Der Anfang war gemacht. Aus einer günstigen Gelegenheit war ein Projekt geworden – und aus dem Projekt sollte irgendwann die Rungholt entstehen.



